Die Zukunft der Medizin in der Diskussion

150 Mediziner kamen zu den 11. Usedomer Ärztetagen 2016 nach Kölpinsee

Das menschliche Gehirn altert ab dem 25. Lebensjahr. Das Arbeitsgedächtnis lässt nach. Kann man den Alterungsprozess aufhalten? Wie kann man lange fit und gesund im Kopf sein? Der Eröffnungsvortrag bei den 11. Usedomer Ärztetagen (April 2016) im Strandhotel „Seerose“ in Kölpinsee fand großes Interesse. Prof. Dr. Martin Korte von der TU Braunschweig erklärte vor 150 Wissenschaftlern und Medizinern, was wichtig sei für das Herz, sei auch wichtig für das Gehirn: Lernen, Laufen, Lieben, Lachen. Der Mensch brauche viel Bewegung und vor allem auch soziale Kontakte. Prof. Korte erklärte, dass das digitale Zeitalter Gefahren berge. „Zu viele Infos stören das Denken“, sagte er. Multitasking, vor allem im Alter, schaffe Stressmomente.
Die größte Fortbildungsveranstaltung in der Region wurde in diesem Jahr durch Prof. Dr. Wolfgang Motz (Klinikum Karlsburg) und Prof. Dr. Siegfried Krabbe (MVZ Oldenburg) organisiert. Das Spektrum der Themen und medizinischen Innovationen war groß, reichte von neuen Therapien in der Onkologie, der Herzmedizin bis zur Behandlung von Augenerkrankungen und Zöliakie (chronische Erkrankung des Dünndarms). Eröffnet wurde die Tagung durch Karl-Heinz Schröder (CDU), dem Vorsteher des Amtes Usedom Süd, der für seine touristische Region warb, die sich am Wochenende mit viel Sonne von der schönsten Seite zeigte. 
Der Stralsunder Tumorexperte Prof. Dr. Matthias Birth räumte in seinem Referat mit weit verbreiteten Vorurteilen auf. Er sagte: „Große Tumore müssen nicht grundsätzlich schwer zu operieren sein und Komplikationen nach sich ziehen.“ Birth plädierte dafür, Patienten über die technischen Möglichkeiten und Prognosen gut aufzuklären und ihnen zu sagen, dass es immer auch Hoffnung gibt, Lebenszeit zu gewinnen. Erst vor wenigen Monaten wurde im HELIOS Hanseklinikum in Stralsund eine völlig neue Behandlungsmethode bundesweit erstmalig angewandt. Mit einem so genannten „Nanoknife“ wird der Tumor, der an einer ungünstigen Stelle sitzt, mit Stromstößen zerstört.
Der Ärztliche Direktor des Klinikums Karlsburg Prof. Dr. Wolfgang Motz stellte die Möglichkeiten zur Behandlung der chronischen Herzschwäche vor. Die Herzinsuffizienz bildet einen Behandlungsschwerpunkt im Klinikum, das sich als einziges Zentrum im Land Mecklenburg-Vorpommern auf die Implantation von mechanischen Herzpumpen (LVAD-Systemen) spezialisiert hat und diese seit 2013 durchführt. Über die Zukunft der Herzmedizin referierte der Direktor der Herzchirurgie am Klinikum Karlsburg, Prof. Dr. Hans-Georg Wollert. Er kennzeichnete die Herzchirurgie als „Alterschirurgie“. Bereits 2015 waren 53 Prozent aller Herzpatienten in Karlsburg über 70 Jahre alt, 14,8 Prozent sogar älter als 80 Jahre. Dieser Trend werde sich verstetigen und die Arbeitsweise verändern. Der Kardiochirurg werde „filigraner“ und der Kardiologe „invasiver“. Im Heart-Team arbeiten beide eng zusammen, entscheiden gemeinsam, welche Problemlösung für den Patienten die beste ist.
Großen Anklang fand auch der Vortrag des Berliner Wissenschaftlers Prof. Dr. Roggenbuck über die Zöliakie. Diese Autoimmunkrankheit, die zunehmend im Erwachsenenalter auftritt, kann bislang ausschließlich durch eine glutenfreie Ernährung behandelt werden. Eine nicht therapierte Zöliakie erhöht die Gefahr eines Non-Hodgkin-Lymphoms (Lymphknoten-Krebs), es gibt ein 40-fach erhöhtes Risiko. Die chronische Erkrankung des Dünndarms geht bei ca.fünf Prozent der Patienten mit einem Diabetes mellitus Typ 1 einher.
„Die Ärztetage sind für mich wichtig, um Kontakte zu pflegen, aber auch das medizinische Allgemeinwissen aufzufrischen“, sagte Dr. Sandra Sauerborn, Oberärztin an der Klinik für Innere Medizin am Krankenhaus Demmin. „Ich finde es gut, dass ich zur Fortbildung nicht nach Hamburg oder Berlin muss, sondern hier in der Region eine hochkarätig besetzte Weiterbildungsveranstaltung besuchen kann."
Ins Leben gerufen hatte die Usedomer Ärztetage einst der Wolgaster Internist Prof. Dr. Siegfried Krabbe, der heute am MVZ Oldenburg arbeitet. „Die positive Resonanz gibt uns Recht. Diese Gesprächsplattform zwischen den Kollegen in Kliniken und Praxen ist wichtig“, meinte Prof. Krabbe. Er freute sich, dass die traditionelle Fortbildungsveranstaltung 2016 fortgeführt werden konnte. In diesem Jahr hatte erstmals das Klinikum Karlsburg mit seinem Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Wolfgang Motz die Organisation übernommen. „Wir werden die Tradition der Usedomer Ärztetage weiter pflegen, weil wir in der Region nur gemeinsam das Beste für die Patienten leisten können“, sagte Prof. Motz. Im Frühjahr 2017 gibt es das 12. Treffen.